Unternehmen ohne Mitarbeiter?


Vor 15 Jahren prognostizierte der Autor dieser Kolumne in einem kleinen Aufsatz Unternehmen, die primär aus einem kleinen Kern festangestellter Topmanager bestehen, um den herum sich niedrig bezahlte Tagelöhner und gut bezahlte Freiberufler gruppieren. Allerdings gingen wir alle davon aus, dass diese Zukunft noch lange auf sich warten lassen würde. Jetzt findet man aber auch im Standard Hinweise darauf, dass IBM genau dies weltweit als neues Organisationsmodell plant: Danach sollen allein in Deutschland 8000 der 20.000 Mitarbeiter ihre Festanstellung verlieren und sich auf Projektbasis laufend um Aufträge bewerben. Schwächere Mitarbeiter rutschen in diesem darwinistischen Spiel zwangsläufig ab, gute Mitarbeiter können hingegen opportunistisch ihre Chancen nutzen.

Dieser Darwiportunismus funktioniert wie das bekannte Cloud-Computing aus der Informatikwelt: Danach gibt es weltweit verteilte Ressourcen, auf die man kostenminimal zugreift. Das Ganze funktioniert natürlich besonders gut bei Unternehmen wie IBM, wo man Produkte herstellt, die nicht „greifbar“ sind und die sich weltweit verteilt produzieren lassen. Aber auch für andere Unternehmen gibt es analoge Optionen: BMW beschäftigt in Deutschland 70.000 Personen, hat aber nach Angaben der Gewerkschaft immerhin schon 11.000 Leiharbeiter und 3000 bis 5000 Werkverträge, die befristet und schlechter bezahlt sind.

Unternehmen wie IBM und BMW sind unbestreitbare Trendsetter, was Unternehmensstrategien, Organisationsstrukturen und letztlich auch Personalarbeit betrifft. Egal, wie man zu diesen Konzepten steht: Sie werden rascher und konsequenter für alle Betriebsgrößen sowie für fast alle Branchen kommen, als viele sich das vorstellen können. Das Argument „wird uns nicht betreffen“ verliert also zunehmend an Gewicht.

Spätestens jetzt müsste man über die soziale Dimension dieser Entwicklung nachdenken und darüber, was das alles für Personalarbeit und Mitarbeiter bedeuten könnte: Themen wie Personalbeschaffung werden an Bedeutung verlieren und durch Konzepte wie Führung in virtuellen Teams ersetzt. Personal entwicklung bleibt bedeutsam, rutscht aber in die individuelle Verantwortung der externen Mitarbeiter, die sich um ihre Beschäftigungsfähigkeit selbst kümmern müssen. Gleichzeitig werden Arbeitsmärkte für alle Unternehmen globaler und Arbeitsleistungen in der ganzen Welt über „internationale Werkverträge“ einkaufbar.

Noch einmal zurück zum eingangs erwähnten Aufsatz: Dort stand auch etwas über einen Kulturkern, der gerade in dieser neuen Arbeitswelt erfolgreiche Unternehmen auszeichnet. Diese stabilisierende Unternehmenskultur ergibt sich aber nicht aus Topmanagern und ihren temporär eingekauften Arbeitskräften: Sie ergibt sich als Konsequenz aus einer werteorientierten und professionellen Personalarbeit, die sich offensiver als bisher der Herausforderung von „Unternehmen ohne Mitarbeiter“ stellen muss. (Christian Scholz/DER STANDARD; Printausgabe, 11.3.2012)