campus - Ausgabe 1 - Januar 2000 Interview
Prof. Christian Scholz, Inhaber des Lehrstuhls für BWL, insbesondere Organisation, Personal- und Informationsmanagement und Direktor der Abteilung BWL des Saarbrücker Europa-Instituts.
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Der Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Organisation, Personal- und Informationsmanagement, kurz orga genannt, hat den Sprung an die Spitze geschafft: In einem Hochschulranking der Wirtschaftswoche (Heft 36/99) wählten Personalchefs deutscher Top-Unternehmen - befragt nach der Qualität der Ausbildung - den Lehrstuhl von Prof. Christian Scholz im Fachgebiet Personalmanagement auf Platz 1. Bereits 1995 hatte orga bei der ManagerMagazin-Umfrage den zweiten Platz belegt.

Was die Umsetzung neuer Ideen in und mit den neuen Medien angeht, mischt man bei orga ganz vorne mit: Forschungsprojekte beschäftigen sich mit "Virtuellen Banken", "Virtuellen Personalabteilungen" oder "Virtuellen Organisationen". Auch in der Lehre sind die neuen Kommunikationstechnologien ein Thema, und zwar nicht nur in der Theorie, sondern ganz praktisch: etwa bei virtuellen Seminaren. Und im Rahmen des Dies Universitatis ‘99 stellte Prof. Scholz orgaTV, den ersten deutschen Uni-Internet-Fernsehsender, vor: Jeden Mittwoch im Semester ist orgaTV ab 18:18 Uhr live und online 30 Minuten mit Experten-Interviews zu aktuellen Wirtschafts-Themen, Firmenportraits, aber auch Dingen wie Konzert-Tipps auf Sendung. (http://www.orga.uni-sb.de/orgatv/).

"Erfolgreiche Absolventen sind die beste Werbung für einen Lehrstuhl"
campus: Herr Professor Scholz, Ihr Lehrstuhl ist nach dem Urteil der Personalchefs deutscher Top-Unternehmen im Fachgebiet Personalmanagement bundesweit die erste Adresse. Was macht den Erfolg Ihres Lehrstuhls aus?
Scholz: Als ich 1986 den Lehrstuhl übernahm, war Personalarbeit eher ein betriebswirtschaftliches Randgebiet. Oder um es positiv auszudrücken: Es war eine absolute Marktnische. Personalarbeit als Managementaufgabe anzusehen und strategisch auszurichten, galt damals nicht "als Mainstream". Dementsprechend negativ war auch das Feedback von allen Seiten, als der Lehrstuhl als ersten Schritt in diese Richtung den Ausdruck "Personalmanagement" in seine Bezeichnung aufnahm. Inzwischen ist dieser Terminus eingeführt und akzeptiert.

Der zweite Schritt war ein entsprechendes Lehrbuch, das der Markt vor allem deshalb recht positiv bewertete, weil sich hier ein neues und durchaus attraktives Bild von unternehmerischer Personalarbeit abzeichnete. Es folgten diverse empirische Projekte sowie Mitarbeit in den Fachkommissionen. Und schließlich wurde generell Personalarbeit - unabhängig davon, wo sie im Unternehmen stattfindet - zu einem der Schlüsselfaktoren für den Unternehmenserfolg. Wir hatten also die Chance, uns früh in diesem Feld zu etablieren, und deshalb gab es bald sehr gute "Personal-Absolventen" aus Saarbrücken, die rasch interessante Jobs in der Praxis bekamen und sich dort eindrucksvoll bewährten. Diese erfolgreichen Absolventen sind natürlich die beste Werbung für einen Lehrstuhl.

campus: 1999 richteten Sie das betriebswirtschaftliche Vertiefungsfach Medien- und Kommunikationsmanagement MKM (campus 3/99, S.10) an Ihrem Lehrstuhl ein. Wie wurde das Angebot von den Studierenden angenommen und welche Qualifikationen werden die Absolventen des Vertiefungsfachs später vorweisen können?
Scholz: "Organisation und Personalmanagement" ist eine funktionale Betriebswirtschaftslehre. "Medien- und Kommunikationsmanagement" (MKM) ist ähnlich wie die Handelsbetriebslehre eine institutionelle BWL. Schon allein aus diesem Grund mußte MKM ein völlig unabhängiges und eigenständiges Vertiefungsfach werden.

MKM zielt auf eine faszinierende Branche: Sie reicht von Fernsehsendern wie Premiere über Internet-Service-Provider wie AOL bis hin zu Telekommunikationsunternehmen wie TELEKOM und VIAG Interkom. In keinem anderen Bereich gibt es gegenwärtig mehr Dynamik, in keinem anderen Feld aber auch ein derartig großes Forschungsdefizit: Wer versteht schon die Regeln, Strategien und Konvergenzprozesse dieser Branche und ihre innere Logik?

Von den Studenten wurde dieses Fach sehr gut angenommen. Zudem läßt sich MKM mit mehreren anderen betriebswirtschaftlichen Fächern im Studium wie Wirtschaftsinformatik, Marketing und Handel sehr gut kombinieren, und MKM erlaubt modular die Anerkennung von Teilleistungen aus anderen Gebieten.

Auch wenn am Anfang sicher nicht alles so glatt lief, wie ich mir das vorgestellt habe, wurde ein beeindruckender Leistungswille entwickelt. Wir hatten auch schon mehrere Vorstände von renommierten Unternehmen bei uns, die sich äußerst positiv über die Studierenden und deren Qualifikation geäußert haben. Hier zeichnen sich dann auch schon ganz konkrete Einsatzfelder ab: Da die Saarbrücker MKM-Absolventen sowohl über die technische Kompetenz als auch die betriebswirtschaftlich-strategische Kompetenz verfügen, sind sie relativ flexibel einsetzbar und können sehr rasch in Projekt- beziehungsweise Führungsverantwortung aufsteigen.

campus: Sie arbeiten an Ihrem Lehrstuhl sowohl im Rahmen der Lehre als auch in der Forschung verstärkt mit dem Thema neue Kommunikationstechnologien. Mit orgaTV wurde 1999 der erste Uni-Internet-Fernsehsender Deutschlands - vielleicht sogar Europas - aus der Taufe gehoben. Was waren die Motive für das Internet-Fernsehen und welche Ziele verfolgt orgaTV?
Scholz: Die Idee zu orgaTV entstand im Frühjahr 99: Wir wollten auf dem damals ganz neuen Feld des live-internet-broadcasts erste Erfahrungen sammeln. Gleichzeitig sollte das Vertiefungsfach MKM um eine weitere "praktische" Komponente ergänzt werden. Zwar ist orgaTV bei weitem noch nicht dort, wo wir alle uns das vorstellen: Hier ist noch Einiges für das Jahr 2000 geplant. orgaTV funktioniert aber tatsächlich, und auch unser Programm wird immer besser, wobei vor allem leicht unterschätzt wird, wieviel Arbeit hinter so einer 30minütigen Sendung steckt. Was man aber hoffentlich erkennt, ist der Spaß, den orgaTV uns allen macht.
campus: Das Internet macht es möglich, dass Sie an zwei Orten gleichzeitig lehren können: An der Universität Wien haben Sie den virtuellen Personalmanagement-Lehrstuhl (http://www.bwl.univie.ac.at/bwl/scholz/wien.html). Wie sieht die Praxis eines solchen Lehrstuhls aus, wo liegen die Chancen der virtuellen Lehre und welche Schwierigkeiten sind zu bewältigen?
Scholz: Dieser virtuelle Lehrstuhl war das Ergebnis eines zufälligen Zusammentreffens zweier Ereignisse: Auf der einen Seite forschten wir damals ziemlich intensiv zum Thema Virtuelle Organisation. Auf der anderen Seite hatte ich der Universität Wien zugesagt, bis zur Besetzung des Personallehrstuhls etwas in der Lehre "auszuhelfen". Und daher gründeten wir den virtuellen Personallehrstuhl Uni Wien. Konkret bedeutet dies, dass die Studenten das Fachgebiet Personalmanagement in Wien komplett studieren können. Obwohl ich selber immer nur einige Tage pro Semester für "reale" Vorlesungen in Wien bin, haben die Studenten eine komplette Betreuung. Nachdem die Studentenzahlen in diesem Feld aber explodierten, haben wir Obergrenzen eingebaut und zudem eine Mitarbeiterin eingestellt, die den Studiengang vor Ort betreut. Der Rest läuft komplett über Internet - von Veranstaltungen mit bis zu 30 Teilnehmern bis hin zu mündlichen Examensprüfungen über Netmeeting mit Kameras auf beiden Seiten, und ansonsten arbeiten wir sehr viel mit dem "alten" Medium E-Mail. Da meine Wiener Studenten wissen, dass ich online ziemlich gut erreichbar bin, nutzen sie dieses Medium auch massiv. Und wenn E-Mails kommen, dann müssen sie auch sofort beantwortet werden.

Schwierigkeiten hatten wir jede Menge, vor allem mit der sich erst entwickelnden DV-Technik. 1995 war der Aufbau eines stabilen Internet-Chats nicht ganz so trivial wie heute. Doch gab es damals auch bereits eine Art von virtueller Realität, also ein im Computer abgebildeter Lehrstuhl mit vielen Funktionalitäten, durch den man sogar hindurchlaufen konnte.Hier waren die Ladezeiten aber noch viel zu groß, weshalb wir diese Internet-Version sehr schnell wieder vom Netz genommen haben.

campus: Ihren Erfolg nun zu konsolidieren ist sicherlich eine große Herausforderung, zumal sich die Rahmenbedingungen ja ständig ändern. Wie positionieren Sie Ihren Lehrstuhl für die Zukunft?
Scholz: In den nächsten Jahren wird sich viel an der Universität des Saarlandes verändern. Die neue Universitätsstruktur birgt nicht nur Risiken, sie bringt auch Chancen mit sich. So werden sich zwar (gegenwärtig auch an unserer Universität im Neuaufbau befindliche) Großgebilde wie eine "Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät", die unscharfe Identitäten aufweisen, nur schwer auf dem hart umkämpften Markt der Hochschullandschaft positionieren können. Dies kann auch nicht deren Aufgabe sein. Hier kommt es in Zukunft viel mehr auf den einzelnen Lehrstuhl an, der jenseits von Fakultäts- bzw. Universitätsgrenzen Partner finden und sich insgesamt wettbewerbsbezogen verhalten muss. Nur mit einem klar abgegrenzten Leistungsprofil lassen sich spezifische Kernkompetenzen in Form von Innovation und Qualität realisieren. Dies zu schaffen ist eine spannende und zunehmend überlebenskritische Aufgabe.
Interview: Claudia Brettar